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Writing | Prose | Schweigehaft

Schweigehaft
by Tony Caulfield, 16.04.2010

Die Zelle meiner Schweigehaft ist lichtlos. Völlige Schwärze. Totale Isolation. Alles in mir schreit, von tauber Leere verschluckt, in einer Welt ohne Ton. "Schweigehaft." Es ist die Person außerhalb der Folterkammer die schweigt. Wie immer, von Anfang des herbeigesehnten Endes an, das nie zu kommen scheint. Und darin besteht die eigentliche Folter. Nicht in den Schocks. Soviel habe ich begriffen.

Kommentarlos drückt sie den Knopf, der die Stromschläge durch diese einzige Wunde jagt, die einmal mein Körper gewesen ist. Reduziert auf die nötigsten Biofunktionen. Rasselnde Atmung. Abkoten eitriger Fäkalien, die nur aus Gedärmfetzen und madenzerfressenen Klumpen innerer Organe bestehen. Roter Urin, gelber Speichel und blutigen Tränen bilden eine Lache, in der mein lebendig verrottendes Fleisch liegt.

Der verbliebene Rest meines Geistes vermutet eine sich zersetzende organische Masse irgendwo in der Dunkelheit als notwendiges Gefäß, das mein Gehirn noch am Leben hält. Sonst müßte ich nicht denken, nicht empfinden. Vielleicht pumpen Schläuche eine Form von Nahrung in den Biomüll meines Leibes. Gerade genug um mein Sterben möglichst lange andauern zu lassen.

Doch woher soll ich wissen, daß ich nicht lediglich ein Hirn im Tank bin? Eingelegt in eine Nährlösung, künstlich gespeist mit neuronalen Impulsen. Hilary Putnams Gedankenexperiment in die Tat umgesetzt, um eine Hölle zu schaffen.
Synapsen feuern. Unaufhörlich. Ich soll empfinden können um zu leiden. Denken können um zu rätseln, warum ich leiden soll. Leiden, weil ich keine Antwort darauf finden kann. Die Perfektion seelischer Folter.

Ich weiß nicht mehr genau, wie lange ich schon in ihrer Schweigehaft bin. Schätzungsweise vier Jahre. Wie es gewesen sein mochte ohne ständige Schmerzen zu leben, habe ich lange schon vergessen.
Was ist das: "Hoffnung"? "Erbarmen"? "Kommunikation"? "Erkenntnis"?
Es wird nie enden, außer in der Gnade des Todes.

Irgendwann hörst du auf zu argumentieren, zu appellieren, zu flehen, zu wimmern und zu fluchen, daß es endlich aufhören soll. Du möchtest einfach nur noch wissen warum du gefoltert wirst, zu welchem Zweck? Was macht das Leben der Person an dem Knopf so entzückend, jedesmal wenn sie ihn drückt? Was fehlte ihr, wenn sie es nicht mehr täte? Oder sich auch nur dazu äußerte, warum sie es tut?

"Aber sprich nur ein Wort..." Doch Du schweigst lieber.
Das Zitat ist geklaut. Teils erinnere ich mich von wo, teils habe ich es vergessen. Sie drückt wieder auf den Knopf und ich denke an puschlige Wiesel. Die werden totgetrampelt, wie alles. Riechst du den Hufschlag, denke "Zebra", nicht "Pferd". Das Naheliegende ist immer absurd. Gelbes ist laut und gestreift und die Welt ist bizarr und ich bin ein kleiner Welpe der weint und von dem Gefrierschrank in den Arm genommen werden möchte.

Meine Sinne haben sich vor endloser Zeit schon verwirrt. Nichts hat einen Zusammenhang und alles und alle sind vernetzt. Eine komplexe Verknüpfung des Schicksals, die nur der Folter dient.

Eine Sekunde oder Tage darauf drückt sie wieder auf den Knopf. Irgendetwas sagt mir, daß die Abstände zwischen den Schocks und die Variationen in den Spannungsstärken auch dann keine Regel erkennen ließen, wenn ich noch einen Sinn für Zeit oder Schmerzintensitäten hätte.
Das Willkürliche ist die Regel, das Unbegreifliche das einzige Futter das dem Überbleibsel eines Geistes zugeworfen wird, der noch immer zu verstehen versucht, in seinem schmerzerzeugten Wahn. Warum? Wozu?

Mir ist nur fragmentarisch bekannt, was mir vorgeworfen wird. Ich bin ein Monster, auf diese und jene Art. Das Gegenteil all dessen, was alle außer der Person am Knopf von mir behaupten.
Da sind doch immer noch Menschen, hunderte, ständig um mich herum. Die mögen mich doch. Ich mag die doch auch und die sagen ich bin ein lieber Kerl und die reden mit mir, als ob ich ein Mensch wäre. Die sind doch real, oder? Und wenn nicht, dann waren die doch mal, irgendwann, oder nicht? Das weiß ich doch noch, da war doch ein Leben vor dem Tod, oder...

Sie drückt auf den Knopf und ich bin ein Monster. Ein sabberndes, kotzendes, verrotzes, bepisstes, verschissenes, weinendes Monster das sühnen muß und jeden Tritt in die Seele verdient.

Mein stinkendes Gerippe zuckt und sie drückt abermals auf den Knopf. Und dann wieder. Wieder und wieder. Und wieder mal nicht. Und dann wieder häufig, schnell und langsam, stetig, sporadisch und immer mitleidlos.

Gefühllos? Könnte ich sie doch nur dabei lachen hören, damit ich weiß ob sie glücklich ist, wenn sie mich leiden läßt. Oder wenigstens milde amusiert. Vielleicht ist sie nur gleichgültig. Apathisch. Womöglich einfach nur krank. Bemitleidenswert. Die Spekulationen nicht durch Gewißheit zu mildern sind Bestandteil der Folter; fest integriert in diesen kafkaesken Prozeß.

Ein weiterer Schock. Sekrete aus allen ranzigen Körperöffnungen.
Wieder Halluzinationen.

Ich stehe im obersten Stockwerk eines Treppenhauses und führe eine Konversation über die unverkleidete Neonröhre an der Decke. Der Mann findet sie zu hell. Er sieht aus wie eine sanftmütige Wiedergeburt von Klaus Kinski und auch ansonsten ist alles paradox.
Kinski meint die Lampe müßte irgendwie anders sein: gelb! Reflexartig schlage ich einen bestimmten Gelbton vor und Kinski ist baß erstaunt. Er kenne diesen Farbton. Ja, dieses Gelb sei wunderschön, sagt er, und auch überhaupt nicht laut und gestreift, dieses Gelb sei sehr freundlich, eine ganz liebe Farbe. Eine gaaanz liiiieeebe Farbe. Mit der Farbe möchte er gerne mal vögeln.

Aber ich weiß, diese Farbe ist böse. Da sind Zusammenhänge und keine und die legen da Parkett und bemalen die Wände mit bunten Kakerlaken, die auf kulinarisch Küchenschaben heißen, und bunte Hunde sitzen irgendwo und lesen und die Assoziationen werden erhitzt, zerbröselt und mit American Spirit zu Tüten verrollt.

Wir rauchen und reden noch kurz über die Seefahrt, auf den Ozeanen, auch auf Flüssen, auf Binnengewässern vielleicht, und kurz darauf sterbe ich.

Die andere Seite ist wundervoll, weil Du da bist.
Es ist 1989 bis 91 für alle Ewigkeit meiner persönlichen Jenseitssimulation; und ich bin überglücklich endlich gestorben zu sein.

Die Szenen die vor mir ablaufen sind die schönsten, die ich in meinem ganzen Erdenleben in mich aufnehmen durfte. Irgendwie ist immer Sommer in dieser Zeit; auch wenn es regnet und schneit. Alles ist durchflutet von Licht und Wärme...und beides geht von Dir aus.

Ich gehe zum zweiten Mal in die Achte, weil ich das Jahr zuvor stinkend faul gewesen bin. Einer meiner neuen Klassenkameraden führt mich in den Saal im Neubau, wo ich Dich zum ersten Mal sehe. Da sitzt Du, in der hintersten Reihe, und er sagt: "Kuck mal, das ist Deine Freundin. Erkennst Du sie nicht mehr?"

Er findet das witzig und ich sehe dich einfach nur blöd und schweigend an. Nein, wir sind uns noch nie zuvor begegnet, aber Du weißt mit solchen Scherzen umzugehen.
"Hallo", sagst Du und winkst mir dabei auf diese gewisse Art zu, als wolltest Du mit den Fingern auf den Tisch trommeln, was Du immer mal ganz gerne tust, wenn gerade kein Stift zur Hand ist um "die Trommlerin zu machen", wie der Herr Rieder sagt, wenn wir gerade Lateinklassenarbeit schreiben und Du mit dem Stift trommelst.

"drum pet - do not feed" steht auf Deinem selbstcreierten T-Shirt und ich glaube es ist ein kleiner Woodstock darüber zu sehen. Deine dunklen Augen blitzen wach und lustig umher und Deine tiefbraunen Locken werden mit der Zeit immer schwärzer und richten sich zu einem Mohawk auf. Die Frisur der Punks und der Zebras.

Du wechselst irgendwann von den bedruckten weißen und gelben T-Shirts und den Bluejeans zu dem weißen Kapuzenpulli, den Tie-dye grünen Hosen und den grünen Chucks; den großen Tuchschal mit dem schwarz-weißen Muster immer ein paarmal um den schlanken Hals geschlungen, und an der blauen Jeansjacke ist der Kragen hochgestellt.

Warum sehe ich Deine Gesichtszüge nicht? Sie sind umflossen von weißem, flüssigem Licht. Ein Symbol für die engelsgleiche Wesenheit, zu der Du später einmal für mich werden wirst.
Aber es ist nicht Deine blendende Schönheit, die mich gegen meinen selbsterklärten Willen und doch mit größter Leichtigkeit dazu bewegt, mich in Dich zu verlieben. Es sind Deine Persönlichkeit, Dein Charakter, Dein Charisma, Dein Temperament,...all das was dich so einzigartig macht, in dieser Masse von Mädchen, die mir alle oberflächlich, hysterisch, obszön und schlichtweg uninteressant erscheinen.

Überhaupt habe ich die Schule immer verabscheut. Ein Sammelbecken all jener Dinge, die immer dafür verantwortlich waren, daß ich mich von klein auf nie mit meinem sogenannten "Leben" hatte identifizieren können.
Diese Welt ist absurd und plötzlich bist Du das einzige Licht inmitten einer Dunkelheit die ich nicht begreife. Die Leute reden bizarren Müll und tun haarsträubende Dinge, die sie ganz normal, geil und cool finden - und ich bin blöd, verstört, hilflos und redlich bemüht, mich noch abstoßender zu benehmen als sie mir erscheinen, damit sie mich alle in Ruhe lassen.

Ja, das funktioniert. Die Mädchen hören auf mir Zettelchen mit Einladungen für Parties in den Scoutranzen zu stecken und weichen vor mir zurück wenn ich auf sie zulaufe. Nur Du kommst von hinten, wenn ich Dir im Wege stehe, rufst "platz!" und schiebst mich weg, daß ich meterweit nach vorne taumele - sprachlos und bezaubert.

Während die ihre Klamotten, Beziehungen und die Locations der nächsten Parties diskutieren, zeichnest Du einen Beutelwolf auf den Tisch im Lateinsaal des Altbaus und schreibst "SAVE OUR BAGWOLVES" darunter.

Und im Religionssaal motzt Du das klägliche Autochen auf, das ich auf den Tisch kritzele, weil das ansonsten Dein Platz ist, da ganz hinten, und Du sagst: "Der malt immer was auf meinen Tisch, da hab ich nachher immer was zu kucken."

Ich stehe auf einem der Holzstühle und mache Faxen. Und Du siehst zu mir hoch und sagst: "Soll ich Dir nen Fallschirm bringen?"

In Weinheim, auf Klassenfahrt, kommst Du verzottelt aus dem Duschraum der Jugendherberge und ich sage zu dem Judas Priest Fan Du wärst Milupa.
"Meine Wölfin" ist gemeint. Das hätte ich mich aber nie zu sagen gewagt. Auch wenn ich kurz darauf mitbekomme, daß Du es lustig findest, daß ich den "Hasselhofer" nenne, weil er mit seiner digitalen Armbanduhr spricht, als wolle er sein Auto herrufen.

Irgendwann bekomme ich die 80er und muß nicht mehr mit den verrohten Kindern im Bus zur Schule fahren, die es immer so toll fanden mich zu quälen. Immer habe ich nun auf der Fahrt zur Schule diesen Song im Ohr, der eine Weile fast jeden Morgen aus meinem Radiowecker tönt.
Ich werde ihn nach dieser Zeit nie wieder irgendwo hören. Sehr kitschig und prophetisch:

Don't tell me we're Through
Bbefore we even started
We never ever really tried
How can you be so evil-hearted
And drop me in the darkest night?
Sad, sad feeling
To be fooled by love
I know this feeling
Wanna go and shake it off


Ich würde lieber Punk hören, wenn ich wüßte wo man die Platten kaufen kann. Aber ich bin so unbeholfen und noch nie freiwillig in irgendein Geschäft gegangen, oder überhaupt unter Menschen.
Du magst die Spermbirds, in einer Zeit, in der hier und da diese Nazimusik gehört wird. Die Nazis kannst Du nur verabscheuen; und überhaupt alle die behaupten, es gäbe sowas wie "lebensunwerte Existenzen".
Oder Leute die Freude am Leid anderer haben, die kein Mitgefühl kennen.

Wenn ich mir mit einer Glasscherbe in die Hand schneide, während ich im Musiksaal hinter Dir sitze, um meine Gefühle Dir gegenüber unter Kontrolle zu bringen, dann höre ich Dich murmeln: "ich kann das nicht sehen."
Du bist voller Empathie; alleine schon deshalb hätte ich das nicht tun dürfen. Doch ich bin blöd und verwirrt.
Dafür weine ich zu Hause fast, aus Mitgefühl mit Dir, an dem Tag an dem ich dich sagen höre: "ich darf so Filme nicht kucken", weil Du mitbekommen hast, daß mir jemand die VHS einer zensierten Version von Red Scorpion mitgebracht hat.

Das ist lächerlich und ich bin so geworden wie ich nicht sein wollte. Abstoßend wollte ich sein; eine Parodie auf das Absurde um mich herum, die niemand als solche versteht. Die satirische Überhöhung einer Generation, die für mich bisher nie etwas anderes gewesen ist, als die Verkörperung des Untergangs menschlicher Zivilisation und die Umkehrung der geistigen Entwicklung unserer ohnehin unnötigen Spezies.

Und jetzt...möchte ich nur noch einen Weg finden, mich Dir zu offenbaren. Doch ich bin blöd und feige, und ich beleidige Dich. Du korrigierst meinen dummen Spruch vom "Schaf im Wolfspelz", den ich an die Tafel kritzele, indem Du das zweite A bei "Schaaf" - mit durchgezogenem Balken, um das Anarchiesymbol zu insinuieren - obendrüber schreibst. Herr Schaaf schreibt sich schließlich mit zwei A.
Ich sage: "Wenn ich etwas an die Tafel schreibe, dann hat niemand was anderes hinzuschreiben", und Du sagst: "Arschloch!"
Ich will sterben, aber blöd sein alleine tötet nicht.

Irgendwann malst Du Dein Gesicht mit aufgerissenem Fang und spitzen Zähnen an die Tafel, und das Charmanteste das mir dazu einfällt ist, daß das wohl ein Ghoul wäre. Du lachst und gehst zu Deinen Freunden, die witziger sind als ich, doppelt so schnell sprechen können und zudem noch Skateboard fahren.

Aber irgendwie habe ich die Illusion, daß Du mich magst, warum auch immer. Und das selbst dann noch, als Du die einzige der Schülerinnen bist, der ich noch Antwort gebe, wenn sie mich anspricht. Das tust Du hier und da, nachdem es schon lange keine andere mehr tut.
Einmal in der Freistunde sagst Du zu mir: "Warum gehst Du nicht mit denen rüber in den anderen Saal?"
Ich sehe Dich an und möchte sagen: "Weil ich bei Dir sein möchte. Weil ich Dich liebe."
Doch weil ich blöd und feige bin sage ich nur trotzig: "Ich weiß nicht warum."

Mir ist klar: ich bin Deiner gänzlich unwürdig. Und in meinem irdischen Leben verlasse ich nach der Zehnten die Schule, um von meiner hoffnungslosen Liebe zu Dir wegzukommen.
Das ist mir nie gelungen. Erst Jahre später gestehe ich Dir das und entschuldige mich dabei aufrichtig für mein blödes Benehmen während unserer Schulzeit. Wohl auf keine sehr sinnvolle Art. Anonym, aus jener panischen Angst vor Zurückweisung, die letztlich nichts anderes ist als die Feigheit vor dem Unausweichlichen.

Aber jetzt bist Du zurückgekommen. Du hast mich aus der Folterkammer befreit, gerettet vor der Person, die mich jahrelang so gnadenlos gequält hat, ohne mir je zu sagen warum.
Von nun an werden wir die Ewigkeit zusammen verbringen. Eine endlose Abfolge unserer wenigen, meist lustigen kleinen Begegnungen. Ich könnte nicht glücklicher sein,...außer...wenn Du es auch wärst. Aber das Jenseits ist ja nur eine Simulation. Sonst wärst Du nicht hier.

Und irgendwo außerhalb der Zelle, drückt eine Hand auf den Knopf und der Stromschlag reißt mich zurück in die grausame Realität.
Es war nur ein Traum. Einer von Millionen dieser Art.
Die Fata Morgana einer Oase, die sich als heißeste Stelle in endloser Wüste herausstellt. Der vermeintliche Kelch mit Wasser, der einem Verdurstenden gereicht wird und doch nur mit Säure gefüllt ist.

Nein, Du hast mich nicht gerettet.
Die Wahrheit ist: Du bist die Frau die auf den Knopf drückt.
Wieder und wieder und wieder. Von dem Tage an, da Du erfahren hattest, daß ich Dich liebe. Das ist Deine Art mich zurückzuweisen.

Es hätte nur eine Minute Deines Lebens gekostet, einen anderen Weg zu gehen.
"Ich kann Deine Liebe nicht erwidern", hättest Du sagen können, "und außerdem bin ich inzwischen glücklich mit nem Seemann liiert."

Du hättest nie wieder von mir hören müssen, so dies Dein Wunsch gewesen wäre. Es hätte genügt um frei zu sein. Frei von mir, frei von jeglicher Schuld. Und ich würde es nicht minder bereuen, mich Dir nicht früher offenbart zu haben,...und persönlich. Auch wenn ich zu keiner Zeit je eine Chance hatte.

Im Grunde wußte ich das immer. Es war Teil meines Wahns dies zu verdrängen. Ein Wahn gewachsen aus den Schmerzen die ich empfand Dich zu vermissen, jeden Tag, jede Sekunde, Jahr für Jahr.
Der Gedanke, Dich durch Poesie und Comedy-Texte bezaubern zu können, war eine verzweifelte Illusion gewesen. Meine Traurigkeit über diese Erkenntnis wäre über die Jahre verschwunden.
Nein, das ist eine Lüge! Die einzige, die Dir zu erzählen ich jemals imstande gewesen wäre, um die Last von Dir zu nehmen, die Du empfunden hättest, wärest Du zu dem Zeitpunkt noch Du selbst gewesen.

Doch meine Trauer wäre erträglicher gewesen als die Schweigehaft, dieses endlose Bad in der Säure des "Warum?", diesem alleszerfressenden Rätsel, das nicht sich selbst sondern mich auflöst.
Es bestand nie eine Notwendigkeit, den Weg ultimativer Grausamkeit zu gehen, den Du gewählt hast. Keine außer Deinem eigenen Willen. Du wolltest, daß ich leide - bis zum Ende.

Der Mann, den Du damals gegen mich aufgebracht hast, eröffnete mir, als ich hilflos mit einem Nervenzusammenbruch im Krankenbett lag, welche schrecklichen Dinge Du mir vorwirfst. Dinge, von denen wir beide wissen, daß ich sie nie getan habe.
Aus einer Unzahl möglicher Fragen kam nur eine einzige davon, von Schock und Entsetzen halb erstickt, über meine dehydrierten Lippen: "Will sie meinen Tod?"
Sein lachendes Kopfnicken ließ keine Beschönigung zu, kein Mißverstehen. Er hatte die Gewißheit der Sache von Dir selbst.

Dieser Mann war einer meiner wenigen Freunde in dieser Zeit gewesen und es bedeutete ihm nach eigenem Bekunden sehr viel, mit mir zu arbeiten. Denn dann vergaß er für eine Weile seine eigenen Depressionen und Todesgedanken.
Weißt Du, daß er vor knapp einem Jahr elendig an Krebs gestorben ist, bis zum Ende davon überzeugt, daß sein Freund ein Monster gewesen sei?
Könntest Du diese Schuld ertragen, wenn Du noch zu fühlen imstande wärst?

Alle Deine einstigen Qualitäten scheinen über die Jahre noch gewachsen zu sein: künstlerische Brillanz, Intelligenz, Intellekt und - so verschwommen das vier Jahre alte Photo auf Deinem Xing Profil auch sein mag - Attraktivität, Ausstrahlung, Charisma,...
Und das Beste von allem: Dein wundervoller Sinn für Humor, der sich noch heute in Deinen Werken offenbart.

Es ist mir unbegreiflich, wie Du es schaffst, selbst mir noch immer ein Lächeln abzuringen, mit Deinen Zeichnungen lustiger Hündchen und Zebras. Wie kann ein Mensch, der so mitleidlos Grausames tut, etwas derart Schönes hervorbringen?
Du hast gelernt zu imitieren. "Freude" heißt: Lippen in die Breite ziehen und die Lider leicht nach oben. Ich fürchte Du empfindest nichts dabei.

Deine Persönlicheit ist tot - wasimmer die von Dir sagen, für welche die Geschichte des Mannes in der Folterkammer so völlig unglaublich klingen würde, wie für mich selbst. Alles was Deine Überlegenheit positiv machte, ist gänzlich verschwunden. Da ist keine Spur Deines einstigen Charakters mehr geblieben.
Etwas unsagbar Schreckliches muß Dir zugestoßen sein, um Dich zu dem werden zu lassen, was Du heute bist.

Schweigen wo zu reden wäre,
Ist der Akt einer Chimaere.

Dein Verweigern eines klärenden Gespräches ist meine Folterkammer; ein jedes Aufflackern der Erinnerung an Deine abstrusen Vorwürfe gegen mich ein weiter Druck auf den Knopf.

Nein, Du kannst kein Mitgefühl mehr empfinden. Und deshalb habe ich Mitgefühl mit Dir.

Viele Jahre in der Zukunft, nachdem der Tod mich endlich aus Deiner Schweigehaft erlöst hat, bereist Du den Ozean.
Reglos stehst Du auf dem Deck einer der stattlichen Yachten Deiner Dynastie, die schlanken Arme auf die Reling gestützt. Der Wind weht durch Dein pechschwarzes Haar und umschmeichelt Deine wunderschöne leere Hülle, in der schon lange kein Funke Deines einstigen Selbst mehr glimmt.

Der Mann an Deiner Seite liebt Dich so innig, wie ich Dich geliebt habe. Er würde nie ahnen, daß Du selbst nur noch hassen kannst. Vielleicht nicht einmal mehr das. Dein äußerer Schein blendet Myriaden von Galaxien, doch in Deinem Innern herrscht totale Sonnenfinsternis.

Auf ein Zeichen Deines Freundes hin, entzündet ein Matrose meinen ausgetrockneten Kadaver und wirft ihn, bevor er noch zu Asche geworden, über Bord. Die symbolschwangere Entsorgung eines Monsters.

Für einen kurzen Augenblick nur, ehe die Fackel meiner Überreste in den Fluten verlöschend untergeht, erzeugt das Feuer einen tanzenden Lichtfleck auf den finsteren Wassern des Ozeans. Du siehst hinein und erblickst Dein Spiegelbild.
Irgendetwas regt sich darin. Es ist hell und warm und durchdringt die Nacht in Dir. Der eiskalte Schleier vor Deinen dunklen, glanzlos gewordenen Augen verdampft, und das Böse, das Dich über die Jahre besessen hat, läßt für immer von Dir ab.
In diesem Moment findest Du zu Dir zurück.

Und vielleicht, irgendwo in einer fremden Dimension, werde ich Deine Wiedergeburt spüren und wissen, daß mein elendiges Krepieren nicht umsonst war.

Du bist jetzt wieder bezaubernd, fähig zu fühlen, voll Empathie, so wie Du warst...und ohne jede Erinnerung an Deine Greueltaten.
Deshalb bist Du glücklich und, genau deshalb, werde ich es auch sein.


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