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Die Sieben Todsünden im Leben des gemeinen Künstlers
by Tony Caulfield, 30.04.2010 (completed/vollendet: 30.01.2010)
[Der folgende Text wurde für eine Vernissage
am 31.01.2010 im KUNSTATELIER
FORMA:T (Köln) verfaßt. Die Ausstellung hatte "Die
Sieben Todsünden" zum Thema. Der Text wurde in leicht
abgewandelter Form auch am 29.04. im twenty
one (Kaiserslautern) gelesen.
Hier veröffentlicht ist die Originalversion.]
Bevor wir zum gruseligen Teil des Abends kommen, gefolgt von anregenden
Gesprächen über die Kunst, welche nahtlos in die üblichen zügellosen
Ausschweifungen übergehen, möchte ich zunächst mit einem hochseriösen
Vortrag über das Thema unserer heutigen Vernissage beginnen: den
"Sieben Todsünden" - im allgemeinen, aber auch im spezifischen.
Ist der Künstler an sich anfällig eine oder gar mehrere oder am
Ende womöglich alle der sieben Todsünden zu begehen, und
welche Strafe erwartet ihn dafür in den berüchtigten Höllenkreisen?
Diese brennenden Fragen möchte ich heute Abend etwas näher
beleuchten in diesem meinem ersten kleinen Beitrag mit dem Titel:
Die Sieben Todsünden im Leben des gemeinen Künstlers
Im späten 6. Jahrhundert überarbeitete der Papst Gregor der Große
die von Evagrius von Pontus erstellte Liste der acht Todsünden,
warf das Angebertum mit dem Stolz in einen Topf, ersetzte Traurigkeit
(interpretiert als das Versagen permante Freude an der Schöpfung
zu empfinden) mit dem Begriff "Trägkeit" und fügte den Neid hinzu,
den er empfand weil er nicht als erster auf die Idee gekommen
war, eine Liste mit Todsünden zu verfassen.
Sein Sündenranking basierte auf dem Grade der Verwerflichkeit
einer jeden Sünde; denn manche Todsünden erschienen ihm ernstzunehmender
als andere. Das keusche Kirchenoberhaupt bezog sich bei der Evaluation
dieser Todernsthaftigkeit einer jeweiligen Sünde gemäß dem Grade
ihres "Vergehens an der Liebe" mit an Dogma grenzender Wahrscheinlichkeit
wohl auf die Liebe zu Gott - zumindest offiziell.
Wobei er sich dann doch entschlossen hatte - angesichts der Strafen,
welche derartige Vergehen in Höllenkreisen nach sich ziehen (je
schlimmer desto wortwörtlich infernalischer) die Wollust als am
geringst-tödlichen zu klassifizieren. Dieser Weitsicht haben wir
es zu verdanken, daß der Großteil der Bevölkerung - und pauschal
alle Künstlerinnen und Künstler - nach ihrem Ableben für ihr wollüstiges
Verhalten im Zuge unserer hiesigen nun einmal sehr fleischlich
konzipierten Daseinsform, lediglich in Feuer und Schwefel getaucht
werden, was im Vergleich zu den mannigfaltigen Strafen für die
übrigen Abscheulichkeiten vor dem Herrn noch eine eher moderate
Form der Zubereitung darstellt.
So steht laut des Buches "The Picture Book of Devils, Demons and
Witchcraft" von Ernst und Johanna Lehner - welche für die Recherche,
zwecks wahrheitsgemäßer Berufung auf zuverlässige Quellen, wahrlich
durch die Hölle gegangen sind - etwa auf die zweitgeringsttödlichste
Sünde "Völlerei" eine Zwangsmästung mit Ratten, Kröten und Schlangen.
Das mag in gewissen Breitengraden zwar üblicher Bestandteil eines
Standardmenues sein...allerdings leben die Speisen dann meistens
nicht mehr und werden selten vollständig verschlungen.
Die Gier zu Lebzeiten hat ein postmortales Bad in einem Kessel
mit kochendem Öl zur Folge. Der Bezug von Gier zu Öl ist unklar;
vielleicht eine Anspielung auf die Konsistenz des Kopfhaares mancher
Aktienspekulanten.
Abhilfe für "Trägheit des Herzens und des Geistes" verschafft
sehr effizient ein Wurf in die Schlangengrube. Der Zornige hingegen
wird lebendig ausgeweidet, was zugegebenermaßen einen zum ewigen
Höllenleben Verdammten vermutlich nicht gerade besonders sanftmütig
stimmt.
Neid wird mit einem dauerhaften Eiswasserbad kuriert. Die Finnen
tun das reglemäßig freiwillig und, wenn dies den ein oder anderen
auch zu dem Schluß "die spinnen, die Finnen" verleiten mag, so
können wir doch davon ausgehen, daß die Finnen nicht als sonderlich
neidisch bekannt sind. Ob dies allerdings am Eiswasser liegt oder
an der Bestplatzierung Finnlands in der PISA-Studie, der Freiheit
von Studiengebühren und einem deutlich überdurchschnittlichen
Kaufkraftindex, entzieht sich einer canonistischen Betrachtung.
Als Strafe für die tödlichste Sünde Stolz wird der Hochmütige
"auf dem Rad gebrochen", was ihn für alle Zeiten vom Herumstolzieren
abhalten dürfte, da es in der Hölle keine Orthopäden gibt. So
zieht sich die Ewigkeit wie Gummi.
Nebenbei sei erwähnt, daß es der erwähnten Höllenkreise nicht
lediglich sieben sondern, nach Dante, ganze neun gibt. Da ist
noch Potential für eine kleine Expansion. Vielleicht bieten sich
die verbleibenden Kreise für moderate Folterungen bzw. milde Abwatschungen
an, welche man dem ein oder anderen liebenswürdigkeitsherausgeforderten
Zeitgenossen ohne allzugroße Verstöße gegen die politische Korrektheit
angedeihen lassen könnte.
Denkbar wäre zum Beispiel eine infernalische Toastmasters-Gruppe,
für Leute die nach jedem zweiten Wort "äh" sagen; die Strichliste
würde hier standortgerecht mit Lederpeitsche auf Haut geführt.
Ein weiterer Kreis könnte ganz der Unart obszöner Gesten gewidmet
sein. Die Anschaffung einer winzigen Mittelfingerguillotine sollte
keine zu große Belastung des Höllenbudgets darstellen.
Bei durchschlagendem Erfolg wäre die Hinzunahme einer Sonderabteilung
"Exhibitionismus in Schulbussen" ratsam. Für diese Nischenzielgruppe
reichten die Guillotinen der oben erwähnten Größe vollkommen aus.
Bliebe noch ein Kreis übrig, in dem miese Showhost, die ihre Gäste
über Dekaden von Sendezeit hindurch stets nur mit irrelevanten
wie hinverbrannten Fragen nervten, eine diesesmal wortwörtlich
"ewig" dauernde Sendung moderieren dürften, in denen aus dem Völlerei-Department
entliehene, ölgebadete dicke Männer wetten, daß sie in sieben
Minuten durch ein dünnes Loch gehen können, während Kallheinz
aus Wanne-Eickel mit dem Schaufelradbagger ein Frühstücksei aufschlägt.
Alternativ wäre auch ein Fernsehraum vorstellbar, in welchem den
ganzen lieben Höllentag lang, sieben Tage in der Sündenwoche nur
"Gerichtssendungen" laufen - eine alle Ausgeburten satanischen
Geistes in den Schatten stellende Gemeinheit für jene Mindersünder,
die als sie noch mehr oder weniger am Leben teilnahmen jeden Satz
mit "Ey voll krass Alder" zu beginnen pflegten.
Nachdem wir nun alle mit gebührener Bestürzung vernommen haben,
welche Unerfreulichkeiten uns im Jenseits potentiell erwarten,
kommen wir zur Betrachtung des gemeinen Künstlers als vortreffliche
Risikogruppe für Sündenanfälligkeit. Beginnen wir mit dem schlimmsten:
1. Superbia: Stolz
Hier sei (ich hoffe) nicht der Stolz des Künstlers auf sein gerade
vollendetes neuestes Gemälde gemeint (welcher ohnehin meist nicht
länger als sieben Minuten anhält und dann nahtlos in einen masochistischen
Anflug von Selbstzerfleischung übergeht, weil die Komposition
zebragelb auf tränenblaßtransparent selbst in der größtmöglichen
Abstraktion partout nicht die gesamte Tragweite epischen Leides
verkörpern möchte), sondern greller Hochmut, dunkelbuntester Übermut
und gar strahlendste Eitelkeit.
Kann solche Sündhaftigkeit in einer so wundervollen, hochentwickelten,
von Natur aus bescheidenen Entität wie der des gemeinen Künstlers
überhaupt vorkommen? In diesem Zusammenhang sei ein Satz aus Salvador
Dalís "Das Tagebuch eines Genies" zitiert:
"Jeden Morgen beim Aufstehen erfahre ich eine erlesene Wonne …:
die Wonne, Salvador Dali zu sein. Und ich frage mich hingerissen,
was er heute wohl wieder Wunderbares vollbringen wird, dieser
Salvador Dali."
Da sich jeder weitere Kommentar hier erübrigt, fahren wir zur
nächsten Sünde fort:
2. Invidia: Neid
Leider ist nicht jedem Künstler, und trägt er auch noch so dick
auf, was Selbstvermarktung und Farbe betrifft, ein Dalíscher Erfolg
beschieden. Sollte man nun versucht sein anzunehmen, daß hieraus
psycho- wie logisch die mit Invidia im speziellen gemeinten Todsünden
der Mißgunst und der Eifersucht folgten, so finden sich in der
Realität nicht allzuviele Künstlerinnen und Künstler, deren Neidkonto
das der anderen Todsünden ausreichend überschreitet, um beim Zur-Hölle-fahren
direkt im Finnenbad zu landen.
Doch auch Künstler-on-the-rocks-to-be kommen vereinzelt vor. Nämlich
in Form erglatzer über-50-jähriger Ex-Graphiker, die sich auf
ihrer allerersten Ausstellung, im winzigen Gastro-Raum eines lokalen
Nischenkinos, im geschwollenen Brustton der Überzeugung darüber
mokieren, daß es in dieser Stadt ja keine richtigen Galerien gäbe.
Wobei zu den Falschgalerien auch und vor allem diejenige der wenigen
zu dieser Vernissage erschienenen Personen zählen, bzw. die Repräsentationen
anderer anwesender Künstler, von welchen das vor zwei Wochen im
Hobbykeller spontangeborene Genie an diesem Tage zum ersten Mal
hört, im Kreise der herbeigeströmten sieben Personen starken Menschenmasse.
Doch Vorsicht: Kompensiert das unumstrittene Genie hier noch seinen
phänomenalen Start in die Kunstbranche mit unreflektierten Neid-,
Mißgunst- und Eifersuchtsreflexen, so wird er sehr bald selbst
ebensolche auf sich ziehen. Wenn seine Werke nämlich in sieben
bis 23 Jahren im Louvre hängen.
Oder zumindest in einer "richtigen Galerie".
In Krottelbach.
In den halbumgebauten Stallungen des einzigen Einwohners.
In einer 2x3-Meter-Box.
Zwischen der Kuh Elsa und dem Pony Zottel.
Spätestens hier angelangt, ist es nicht weit zur nächsten Todsünde.
3. Ira: Zorn.
Im Sinne von Wut und Rachsucht. Doch auch der neidlose Künstler
kennt den Zorn als treuen Weggefährten durch eine weltschmerzgebärende
Umgebung. Gesellt sich zu allem Überdruß noch der Unmut über das
unzulängliche Voranschreiten des gerade entstehenden Werkes hinzu,
kommt es zu unschönen Szenarien.
Stellvertretend sei hier der Wutausbruch eines frustrierten Künstlers
aus Wyoming - Jackson mit Namen - genannt, der in einem Anfall
von Jähzorn die Leinwand auf den Boden warf und sämtliche noch
vorrätigen Farben darüberspritzte. Die so entstandene Technik
ist heute unter dem Begriff "Action Painting" bekannt und Jackson
Pollocks Werke gehen für Summen im dreistelligen Millionenbereich
weg.
Als weit weniger erfolgsversprechend hat sich das Begehen der
nächsten Sünde erwiesen:
4. Acedia: Trägheit des Herzens und des Geistes.
Auch weniger euphemistisch oft als "Faulheit" betitelt, was etwas
zynisch klingt, denn der Künstler an sich ist niemals faul. Er
ist lediglich depressiv, lethargisch, apathisch, meditativ, volltrunken,
stoned und von der Muse ungeküßt. Folglich ist auch ein Gemälde,
zwischen dessen einzelnen Pinselstrichen wahlweise ein Glas Absinth,
ein Schläfchen von 2-7 Stunden oder ein inspirativer Spaziergang,
eine Borneo-Expedition oder ein Besuch dreier Kollegenvernissagen
liegen, nicht etwa das Produkt einer gemäßigt produktiven Phase,
sondern ein sehr, sehr gereiftes Werk.
Einer solchen typischen Schaffensperiode folgen meist zahlreiche
Vernissagen, Ausstellungen, Offene Atelier Events und persönliche
Beschwatzungen potentieller Käufer, welche auf zuvor genannten
Veranstaltungen eher selten zu finden sind. Dennoch ist hier Vorsicht
geboten, nicht einer weiteren Sünde anheim zu fallen.
5. Avaritia: Gier.
Präziser "Habgier", wenn nicht gar "Habsucht". Der gemeinhin arme
Künstler, der es mittels eines seltenen Zusammentreffens von Durchhaltevermögen,
Glück und verkanntem Talent nach nur dreißig Jahren geschafft
hat, die von jeder Person welche er in diesem Zeitraum je zu Gesicht
bekommen hat gestellte Standardfrage "Ja können sie denn davon
leben?" mit "Hohoho...mach dich vom Acker, du Wicht" zu beantworten,
neigt mitunter dazu, mehr einnehmen zu wollen, als zu der Erhaltung
seiner Biofunktionen notwendig ist.
Es soll sogar vorgekommen sein, daß bei Temperaturen von nur 14
Grad Minus Schuhwerk angeschafft oder gar - der Gipfel der Dekadenz
- der seit mehreren Dekaden bewährte Gasheizstrahler gegen eine
Zentralheizung ausgetauscht wurde.
Anfälliger noch als für derartige Gier ist der Künstler für folgende
Sünde:
6. Gula: Völlerei.
Daherkommend in Formen wie Gefräßigkeit, Unmäßigkeit und Maßlosigkeit.
Daß der Künstler an sich - und sei er auch todsündlichst der Gier
verfallen - grundsätzlich arm ist, hindert ihn nicht daran pflicht-
wie clichébewußt all das zu konsumieren, was für seine Inspiration
und damit zur Schaffung eines die Welt zum Guten verändernden
Gesamtwerkes zwingend vonnöten ist.
Die Unhöflichkeit, auf einer Vernissage ein ihm angebotenes Glas
Sekt abzulehnen, würde sich ein Künstler nie erlauben. Dasselbe
gilt für das zweite und vierte, den Prosecco, den neuen Beaujolais
zum verkosten, den Absinth zum nachkosten, den Mai Tai als Absacker
und die Bacardi Cola zum auskot..äh..kosten.
Auch das leckere Catering sollte nicht unter einer Frequenz von
zwei Häppchen pro Minute gewürdigt werden.
Sind mindestens drei Events mit der eigenen unterstützenden Gegenwart
beehrt, geht es mit den Künstlerkollegen zum Abendessen. Dazu
noch zwei, drei gepflegte Weine. Anschließend zieht sich die Künstlergruppe
gemeinhin in das nächstgelegene Atelier einer der ihren zurück.
Dort beginnt der entspannende Teil des Abends.
Es ist jedoch ein höchst schändliches Gerücht, daß alle Künstler
kiffen. Einige können nämlich das Ausatmen des Rauches nicht mehr
vertragen, weil die Nasenschleimhäute durch den jahrelangen Konsum
anderer Genußmittel bereits zu empfindlich geworden sind.
In letzterer Bemerkung angedeutete Vorliebe macht den Künstler
mehr als ohnehin schon anfällig, auch die noch verbleibende Todsünde
heftigst zu begehen.
7. Luxuria: Wollust.
Im weiteren Sinne auch als Genußsucht und Hang zur allgemeinen
Ausschweifung verstanden, wollen wir uns hier auf jenen Aspekt
beziehen, welcher nicht im vorherigen Punkt bereits hinreichend
abgehandelt worden ist.
Ja, ich spreche von der Form der Wollust die wir alle kennen,
der Wollust im eigentlichen Sinne, kurz: Der Lust...auf Wolle.
Vor allem Künstlerinnen aller Stilrichtungen, wie Herkunfts-,
Altersgruppen und Haarfarben machen keinen Hehl aus ihrer unbändigen
Lust auf Wolle. Denn Wolle ist weich und kuschelig, flexibel und
formbar, anschmiegsam, kann überall am Körper plaziert und in
den mannigfaltigsten Positionen auf und unter der Künstlerin drapiert
werden. Wolle hat zudem die Eigenschaft bei korrekter Handhabung
sehr dehnbar zu sein.
Wolle heißt im richtigen leben Wolfgang und wer Wolle einmal begegnet
ist wird Feuer und Schwefel nicht scheuen.
Das Fazit dieser Betrachtungen kann nur lauten: Wir Künstler fahren
alle zur Hölle! Zumindest solange, bis wir den Dämonen dort unten
wie auch den Politikern, Journalisten, Anwälten und weiteren Insassen
mit unserem Künstlerhabitus genügend auf den ausgehauchten Geist
gegangen sind.
Von da an geht es steil nach oben! Wir sehen uns schwefelgeschmort
und ölgegart auf Wolke 7.
Bis dahin: Es lebe die Kunst!
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