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Der Senkelfürst
by Tony Caulfield, 08.09.2010
Der Senkelfürst muß sterben. Das ist mir in den letzten Wochen
sehr klar geworden.
Wir begegnen uns täglich an diesem Ort an dem ich ihm nicht ausweichen
kann. Wenn er mich dann erstmal schweigend und kritisch ansieht,
dann weiß ich schon, es dauert keine zwei Minuten bis er anfängt,
mich mit seinen Selbstreflexionen zu nerven.
Ohne den Niedergang seiner Familie, der laut Chronik bereits 1435
begonnen habe, hätte er mehr Möglichkeiten im Leben gehabt. Mehr
Möglichkeiten erhöhen den Nutzen für die Gesellschaft und auch
das Selbstbewußtsein. Mit mehr Selbstbewußtsein hätte er oft anders
gehandelt und wäre dann auch nicht zum Opfer geworden...und so
weiter. Aber ich glaube, er hätte seinen eigenen Verfall so oder
so nicht aufhalten können - noch den der Frau die ihn töten wollte.
Wir fahren in seinem alten Volvo zum Arthur. Dabei hat er die
erste Tüte für heute schon im Maul, das Spei-Phone am Ohr und
lamentiert weiter über die Folgen seiner "unverschuldeten Armut".
Alles was er sagt, ist plötzlich weit, weit weg, und ich denke
an das letzte Gespräch mit Uli, wo er erzählt hat, wie er in den
Slums von Kenya auf einen Hügel geklettert ist, um von oben Photos
zu schießen. Da kommt ein kleiner Junge, vielleicht sechs Jahre
alt, bis auf ein paar Meter an ihn heran. Der Junge zieht die
Hosen runter, kotet ab, und sieht um sich. In Reichweite findet
er einen Fetzen noch nicht ganz verschissenen Papiers, wischt
sich den Hintern damit ab und geht wieder. Uli blickt sich um
und sieht, daß er auf einem Berg voll Scheiße steht.
Angesichts des wahren Elends in der Welt spürt Il Senkelio sein
eigenes noch stärker, weil er sich mehr Möglichkeiten wünscht,
etwas dagegen zu tun. Schließlich müssen wir verantwortungsbewußt
handeln, sagt er, trinkt den vierten Cocktail zuende, wankt auf
die Fahrstuhltür zu und versucht sich zu erinnern, ob er vorm
Rathaus in zweiter Reihe geparkt hat.
Ja, ich denke wirklich er hätte mal ganz da oben sein sollen.
Da oben auf diesem Berg Scheiße in Afrika. Und während wir ganz
nach unten fahren, sehe ich in sein traumazerfressenes, besoffenes,
zugekifftes Gesicht. In diesem Moment weiß ich, daß ich ihn töten
will.
Irgendwann neulich laufen wir nachts zwischen tausend Leuten durch
einen Steinbruch. Er philosophiert über die Binary Codes in der
Lichtinstallation. Alles im Leben sei heutzutage nur noch eins
oder null. Ich fange an zu Krawall und Remmidemmi um das Feuer
herum zu tanzen, um ihn auszublenden.
Seit dieser Nacht wirft er er mit Brocken unbehauener Ideen um
sich.
Das Event hätte wider Erwarten keine traumarelevanten Erinnerungen
getriggert, ungeachtet der Location, was erstaunlich sei, lag
diese doch nur fünf Kilometer von jenem Ort entfernt, an dem er
'92 den Nervenzusammenbruch hatte. Das sei ja auch der MO der
Dornier-Stiftung und es würde ja auch Sinn machen, daß das Verweilen
an traumarelevanten Stätten ohne traumarelevante Ereignisse im
Bewußtwerden der gefahrlosen Reproduzierbarkeit stabilisierend
wirke.
"Traumarelevant" - das ist für den Senkelfürsten potentiell alles;
und nur ein Insider würde verstehen warum. Der will es aber nicht
wissen. Und ich auch nicht. Umso senkelrelevanter, daß ich die
Liste alles "traumarelvanten" auch in meinem Kopf mit herumtragen
muß: Affenskulpturen, durch sieben teilbare Zahlen, Angaben zum
Köchelverzeichnis, Popeye, Seemänner überhaupt, das Meer, Binnengewässer,
grünes Tie-dye, Zebrastreifen, bestimmte Namen und letzlich die
Gesamtituation.
An gewissen Orten möchte er inkognito sein. Schließlich werde
noch immer herumerzählt er fresse Kinder oder sowas. Er fürchtet
die Eskalation bei einem Angriff; denn er würde bei derart ehrverletzenden
Behauptungen niemals auch nur ein Iota nachgeben. Ja solle er
etwa sagen: "na gut, vielleicht ein halbes, ab und zu".
Mir ist diese ganze Rufmordsache zu lächerlich um weiter darüber
nachdenken zu wollen, doch Lord Senkel tut dies zwei bis drei
Stunden am Tag.
An einem verregnet-trüben Spätsommertag steht er also mit Pornosonnenbrille
und schwarzer Baseball Cap, während eines Charity-Events, auf
einem Liedelparkplatz irgendwo in Neustadt und fühlt sich ganz
besonders inkognito.
"Wir fallen auf wie ein bunter Hund", raune ich ihm zu, und er
wirkt plötzlich entgeistert als hätte ich gerade etwas traumarelevantes
gesagt.
Auf der Heimfahrt philosophiert er über die schlechte Trinkwasserqualität,
welche die Bewohner bestimter Orte noch heute an dem Wahn archaischer
Traditionen festhalten ließe. Grausam sei es, sagt er und zeigt
nach draußen, "die treiben jeden Sommer bei sengender Hitze einen
armen alten Ziegenbock durch den Wald, weil das früher zu einem
Opferritual gehörte".
Aber da draußen ist nur eine hohe Mauer, hinter der er das personifizierte
Grauen vermutet.
Er blockiert sich selbst, weil er alles endlos verkompliziert.
Seit einer Weile denkt er darüber nach, diese eine Bildhauerin
zu casten für die Photoillustration eines Buches. Er würde ihr
die Schlüsselrolle geben, auch wenn sie wohl nicht unbedingt so
aussehe, wie er sich die Figur vorstelle, sondern eher so wie
Andy Warhols Schwester aussehen könnte, nur mit pechschwarzen
Haaren, aber es fehlen ja noch die Photos von Abessinien für den
Background und Uli muß erstmal Zeit haben für die Bluebox Shots.
Alles woran ich mich in diesem Zusammenhang erinnern kann,
ist das liebenwerte Lachen einer fremden Frau irgendwo in der
Menge. Man hätte einfach hallo sagen können, aber er lehnt
jegliches Bezaubertsein ohne geschäftliche Interessen ab. Er habe
ja zuviele negative Erfahrungswerte mit "dem Privaten".
Inzwischen geht er mir in einem Maße auf den Senkel, das ausreichen
würde, um noch zehn andere ihr Leben lang zu deprimieren.
Als er mir heute morgen wieder aus nächster Nähe in die Augen
gesehen hat, an diesem einen Ort an dem ich ihm nicht ausweichen
kann, da habe ich einfach die Herren Heckler und Koch hinter dem
Rücken hervorgeholt und ihm gezielt ins Gesicht geschossen. Genau
zwischen beide Augen.
Ich weiß, das geziemt sich eigentlich nicht und die Kinder sollen
das nicht nachmachen und so. Aber es war ja garnicht mal böse
gemeint. Es ist nur so, daß eine neue Lebensphase beginnen muß
und er dabei einfach stört.
Leider hat es nicht funktioniert; er lebt immer noch. Wir haben
uns lediglich leicht an den herumfliegenden Glassplittern verletzt.
Nun werde ich mich die nächsten Tage blind rasieren müssen, bis
ich einen neuen Badezimmerspiegel habe.
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Writing ||
Dark Comedy / Satire |
Der Senkelfürst
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