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R.I.P. Helmut "Helle" Halfmann. Ein persönlicher
Nachruf.
by Tony Caulfield, 22.04.2009
Der Autor, Storyteller, Verleger, Musiker, Kinogründer, Programmierer
und Webkünstler, Koch,... Helmut "Helle" Halfmann (*1958) ist
am Samstag, den 18.04.2009, im Krankenhaus Landstuhl (bei Kaiserslautern)
verstorben.
Die Tageszeitung Die Rheinpfalz berichtete heute, er sei
einer schweren Krankheit erlegen; ein Forum für Fans der Computerspielreihe
AquaNox,
für welche Helmut die Story (wie auch ein leider nie veröffentlichtes
Buch zum Spiel) erdacht und geschrieben hatte, sprach von Krebs.
Was Helmut Halfmann in seinem zu kurzen Leben der Welt gegeben
hat ist beachtlich:
- 1980 - 1986 Eröffnung und Betreibung des Programmkinos Provinz
80 bei Kaiserslautern. Dort als Gesellschafter der GmbH bis
1986 tätig. Mehrere Auszeichnungen des Bundesinnenministeriums
und des Kuratoriums Junger Deutscher Film.
- 1986 Veröffentlichung des Erstromans Baby Sitting im
Joachim Hempel Verlag, Mainz.
- 1987-1990 Lesungen in Deutschland und in der Schweiz. Arbeiten
im Literaturbüro Rheinland Pfalz, Veröffentlichungen in Anthologien,
Zeitschriften und Magazinen.
- 1990 Gründung des Halfmann & Scheidel Verlages.
- 1991 Ish'ban von Heinz G. Haas, verlegt bei Halfmann
& Scheidel, mit Fotografien von Helmut Halfmann wird als "Buch
des Jahres" vom Förderverein deutscher Schriftsteller RP ausgezeichnet.
- 1992 Veröffentlichung der Erzählung OA im Halfmann &
Scheidel Verlag, Lesungen, publizistische Arbeiten, verlegerische
Tätigkeiten, Veröffentlichungen in Anthologien etc.
- 1994 - 1996 Das PC Spiel Schleichfahrt wird entwickelt.
Tätig als Autor aller Texte, Dialoge, Drehbücher etc.
- 1996 Schleichfahrt erscheint bei Blue Byte Software und verkauft
sich alleine im deutschen Raum über 150 000fach.
- 1997 www.wildweb.de. Im Rahmen des Halfmann & Scheidel Verlages
wird die Webagentur WildWeb gegründet. Internet Content Providing.
Der Webserver sorgt für sehr viel Publicity in allen Medien.
- 1998 - 1999 Die TV Show Entertainment Tonight und die New York
Times bringen Berichte über WildWeb. Ebenso das deutsche Fernsehen
(in den meisten Kanälen), Radio sowie die Presse (Focus, Stern,
Computerbild, Bild, Tomorrow, etc.). WildWeb bindet eine große,
breitgefächerte und interessierte Zielgruppe an den Autor.
- Helmut Halfmann lernt in Kaiserslautern die Grafikerin und Künstlerin
Gwendolyn Capitain und die angehende Schriftstellerin Myjhnâ Mullen
kennen. Daraus entstehen einige Internet- und Printprojekte.
- 1999 - 2000 Beginn der Autorenarbeiten zu AquaNox für die Firma
Massive Development GmbH. AquaNox wird ein Blockbuster und zu
einem der meistverkauften deutschen Computerspiele.
- 2002-2003 Arbeiten an der Fortsetzung der AquaNox/Schleichfahrt
Reihe. Der Titel AquaNox2: Revelation erscheint erfolgreich
bei JoWood AG, Österreich und sprengt das bisher gewohnte Storytelling.
Alle Spiele erhalten von den wichtigsten Medien hohe Auszeichnungen
und bekommen Sendezeit im Fernsehen.
Ein persönlicher Nachruf
Obgleich wir beide all die Jahre über in Otterbach (einem kleinen
Dorf bei Kaiserslautern) gewohnt hatten, begegnete ich "Helle"
- wie Helmut Halfmann im Freundeskreis genannt wurde - im Jahre
2004 zum ersten Mal.
Einer unserer damals gemeinsamen Freunde, der Musiker und Designer
Michael Korotschenko, welchen ich bereits einige Jahre zuvor kennenlernte,
hatte mir angeboten mich an einem gemeinsamen Projekt der damals
entstehenden Künstlergruppe Isch Art zu beteiligen. Unter
dem Namen Art
Rimbaud Project sollte ein Album mit Songs basierend auf französisch-,
englisch- und deutschsprachigen Versionen von Gedichten des Französischen
Poeten Arthur Rimbaud (20.10.1854 - 10.11.1891) entstehen.
Zu Isch Art gehörten damals neben Michael "Mischa" Korotschenko
auch der Musiker und Medien(Künstler) Martin Diehl, der Musiker
und Musikproduzent Uwe Henke, der Verleger und Mitbegründer des
Halfmann & Scheidel Verlags Roland Scheidel, später auch die in
Frankreich aufgewachsene Mathematikerin (und heutige Ehefrau Roland
Scheidels) Aline Verney und der Solarunternehmer Morten Stefan
Lanzenstiel. Und von Anfang an gehörte Helle Halfmann dazu.
Wir trafen uns eines Abends im Studio von Helles und Rolands Haus
in Otterbach, sprachen über das Projekt und nahmen einige Vocals
auf. Helle saß dabei, gab mir Anregungen zum Sprechen der Texte
und spielte später auf der Gitarre.
Wenige Tage danach erhielt ich eine E-mail von Helle; er wollte
sich gerne nocheinmal mit mir alleine treffen. Bald darauf saßen
wir in seiner Dachwohnung zusammen und plauderten. Helle erzählte
mir von seinem bisherigen Leben, seinen Ideen, Büchern, Webprojekten
(wie die von ihm selbst geschaffene und betriebene erste und seither
größte und meistbesuchte Webcam
Seite im Netz), seinen Erfahrungen als Kinobetreiber, seinen
Erlebnissen als Koch und seiner Zeit als Musiker.
Er spielte auf der Gitarre für mich und sang...unter anderem in
Jiddisch und Texte von Walther von der Vogelweide in Mittelhochdeutsch.
Soweit (bzw. sowenig) ich das beurteilen konnte, beherrschte er
diese Sprachen perfekt. Wie er das gelernt habe? "Ja, da muß man
sich ranhalten", sagte er.
Während dieses ersten Treffens mit ihm alleine schenkte er mit
ein Sachbuch über Serienkiller. Er arbeitet damals an seinem Romanprojekt
Das Honigmeer, das von Serienmördern handeln sollte und
war zu dieser Zeit tief in die Materie eingetaucht. Es existierte
bereits eine eigene Website namens Wildweb Tabloid, im
Rahmen seines Webprojektes wildweb.de. Dort konnte man die Illustrationen
der cooperierenden Graphikerin und Künstlerin Gwendolyn Capitain
betrachten, welche teils Charaktere aus dem Buch zeigten und öffentlich
die E-mail-Korrespondenzen der beteiligten Künstler(innen) lesen.
Ob die - Irisch-stämmige? - Schriftstellerin "Myjhnâ Mullen"
als Co-Autorin je tatsächlich existiert hatte oder nur eine marketingwirksame
Kunstfigur und Erfindung Helles gewesen war, darüber konnte er
sich grinsend in Schweigen hüllen. Ich glaube die Story selbst
entsprang völlig seinem eigenen Genie und einer weltenschöpfenden
Phantasie, welche er selbst oft als Segen und Fluch zugleich beschrieben
hatte.
Helle besaß nach eigenem Bekunden die Gabe, sich seine Geschichten
so plastisch zu visualisieren, so tief in seinen Welten einzutauchen,
daß er großen und verdienten Erfolg damit hatte; doch auch seine
oft düsteren Gedanken und Empfindungswelten waren gleichsam übergroß.
Als ein Mainstream Hollywood Film in einem fast unheimlichen Maße
Ähnlichkeiten mit seinen unabhängigen, eigenen Ideen für Das
Honigmeer aufwies und es sogar eine Namensgleichheit mit einer
von ihm erdachten Hauptfigur des Romans gab, traf ihn das so,
daß er für ein Vollenden des Buches nicht mehr motiviert war.
Schließlich entschloß er sich das Romanprojekt, irgendwann während
der Zeit unserer folgenden Zusammenarbeit, zu canceln und löschte
schließlich auch die Tabloid Website aus dem Netz. Er wollte
nicht mehr daran erinnert werden.
In dieser Zeit rückte das Art Rimbaud Project mehr und
mehr in den Mittelpunkt seines täglichen Schaffens. Helle setzte
nur einen Song um: Eine brillante Vertonung von Rimbauds Vokale,
welcher er mit seinem wunderschönen Gesang ein zu den Abessinienreisen
Rimbauds passendes Flair verlieh und dazu meisterhaft Gitarre
spielte.
Doch ist es vor allem ihm zu verdanken, daß diese als Musikprojekt
begonnene Unternehmung mehr und mehr den Charakter eines Multimedia-Projektes
annahm. Über fast zwei Jahre hinweg trafen Helle und ich uns meist
zweimal die Woche in seiner Wohnung und arbeiteten an der offiziellen
Website für das Projekt.
Es war Helle's Energie, Unnachgiebigkeit und Leidensfähigkeit
beim Erlernen des Programmes "Flash", welcher es im wesentlichen
zu verdanken ist, daß nun das gesamte Leben
Arthur Rimbauds als flash-animierte Biographie, auf 21 einzelne
Clips verteilt - und dies jeweils in deutscher und in englischer
Sprachversion - online zu sehen ist.
Michael Korotschenko hatte die Studioaufnahmen gemacht in denen
ich Arthur Rimbaud die Stimme lieh und Helle schoß die Photos
von mir als Rimbaud, verwendete sie zusammen mit zahllosen gesammelten
Bildern und Graphiken zur Komposition der Flash-Bio, worin der
wirklich anspruchsvolle Teil der Arbeit bestand.
Ich saß dabei und habe viel von ihm gelernt, wie auch seine Kraft
bewundert, nach unzähligen Rückschlägen im Kampf mit dem nicht
sehr benutzerfreundlichen Programm doch immer wieder weiterzumachen
bis die Biographie vollendet war. Doch Helle wollte weitermachen;
als nächstes ging es an ein animiertes Menue für die Website,
das die Besucher(innen) "zum Spielen" animieren sollte.
Wir arbeiteten monatelang daran und nach der Fertigstellung der
ersten Version verwarf Helle alles, um von vorne anzufangen und
eine bessere Arbeit abzuliefern. Helle war Perfektionist. Was
die Qualität seiner Arbeit anbelangte, so ging er keine Kompromisse
ein - zurecht! Und er konnte seine Arbeit, in den Momenten in
denen er sie - selbstkritisch wie er oft war - für gut befunden
hatte, auch standhaft und mit der Emotionalität eines Vollblut-Storytellers
rigoros verteidigen - auch zurecht!
Doch bei all seinem Einsatz vergaß er nie die Pausen. Die waren
ihm - glaube ich rückblickend - so wichtig wie die Arbeit selbst,
denn sie waren erfüllt von Gesprächen wie ich sie sehr selten
mit Menschen führen durfte. Helle dachte eigenständig - was mehr
ist als wohl die meisten Menschen, von denen er sich zu dieser
Zeit bereits weitgehend zurückgezogen hatte und an deren Güte
er nur zurecht oft zweifelte, von sich sagen können - und er dachte
tiefgehend.
Helle war von starken Überzeugungen erfüllt und scheute sich nicht
diese auch zu äußern, sich mit den schwierigen Themen dieser Welt
auseinanderzusetzen. Und Helle konnte trotz allem was er wahrnahm
und oft sehr intensiv als deprimierend, gar höllisch empfand...lachen!
Ja, Helle hatte Humor! Von einer ganz eigenen Sorte sicherlich,
doch er drang durch seine Worte und Texte hindurch, während unserer
langen Gespräche wie auch in den zahllosen E-mail-Konversationen
die wir die zwei Jahre hindurch geführt hatten. Ich habe sie in
drei Word Dateien archiviert...und keine davon faßt weniger als
200 Seiten.
Auch bis einige Zeit nach dem Abschluß des Art Rimbaud Project,
mit der Veröffentlichung des Doppel-CD Albums und dem Launch der
vollendeten Website, blieben wir stets in Kontakt und tauschten
uns über das Leben aus.
Im Jahre 2006 wurde dieser Kontakt, der für mich (und ich wage
zu denken: auch für Helle) zu einer echten Freundschaft geworden
war, jäh zerstört. Eine Person die er gerade mal 2-3 Monate lang
gekannt haben konnte, hatte ihm aus nie wirklich geklärten Gründen
heraus abstruse Lügen über mich erzählt und seine unbändige Phantasie
mußte ihm diese Dinge noch um ein vielfaches abscheulicher erscheinen
gelassen und letzlich über seine herausragende Kommunikationsfähigeit
triumphiert haben, so daß er schließlich jeden Kontakt zu mir
abgebrochen und offenbar bis an sein viel zu frühes Lebensende
in der falschen Überzeugung gelebt hatte, ich hätte diese abscheulichen
Dinge wirklich getan.
Nach der Zeit unserer dergestalt erzwungenen Trennung arbeitete
Helle - der nach dem Abi einmal Koch gelernt und die Liebe zum
äußerst creativen Kochen nie verloren hatte - unter anderem an
einem mit lustigen Zeichnungen illustrierten Kochbuch für Kinder
(Arbeitstitel: Die WildWeb Küchenschaben).
Die Presse spricht zudem von einem neuen, "400 Seiten starken"
Roman mit dem Titel Das Kind im Schnee, an welchem Helle
offenbar noch bis kurz vor seinem Tode gearbeitet und den er fast
vollendet hatte.
Mach's gut, Helle. :-(
Es war eine schöne Zeit die wir zusammen verbrachten; ich bin
traurig, daß Du nicht mehr da bist und, daß unsere Freundschaft
auf diese bizarre Weise irreparabel zerstört worden war...und
dennoch - trotz allem was danach kam - froh Dich gekannt zu haben.
Da wo Du jetzt bist - auch wenn Du wohl nie geglaubt hast, daß
sich die Frage nach dem "wo" jetzt noch stellen würde - da sind
Friede und alle Wahrheiten.
Dort ist alles klar; und hier ist alles verziehen.
cu,
tony
Ein Teil von Helmut Halfmanns Werk ist auf seiner Website wildweb.de
zu sehen.
Kondolenzen finden sich auf diesem Forum der AquaNox
Fangemeinde.
Ein Photo von Helle möchte ich hier nicht veröffentlichen; er
mochte es nicht Photographien von sich zu sehen.
Mein Beileid an seine wahren Freunde und Angehörige.
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