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Writing | Prose | Die Reise zu meiner Anima


Die Reise zu meiner Anima: Selbsterkenntnis und Neugeburt
by Tony Caulfield, 02.06.2009

Prolog

Was ist das: Vergangenheit? Zukunft? Wir benötigen das Konzept der Zeitdimension, da wir mittels Sprache kommunizieren. Die Sprache an sich ist ein Instrument, das völlig anders geartet zu sein nur in der Vereinigung der extremsten Höhe und Tiefe überhaupt erst denkmöglich wird.
Auf diesem Ultrazenith angelangt ist "Denken" jedoch nurmehr als Konzept existent, es ist eins mit dem Fühlen, dem Erinnern, dem Sein und dem Werden. Hier ist ein jedes Ding - im philosophischen Sprachgebrauch, i.e. sich auf jedwegen potentiellen Gegenstand gedanklicher Betrachtung beziehend - sich selbst und zugleich sein Gegenteil, das Ego aufgelöst und mit dem Alles verschmolzen. Fragen und Antworten sind eins und erreichen ihre höchste Bedeutung darin, daß sie für den Funken eines beobachtenden Bewußtseins - so auf dieser Ebene noch existent - unbedeutend werden. Endlich!

Ja, wir benötigen die Zeit, weil sie unsere Sprache ermächtigt die Erkenntnis zu teilen, daß etwas an einem und nur und ausschließlich diesem einen richtigen Punkt im gesamten Sein einer Entität geschehen kann und darf.
Diese Punkte existieren nicht wirklich, doch alles Existente setzt sich aus ihnen zusammen. Jeder Augenblick als Punkt betrachtet ist bereits vergangen und alle Pixel verschmelzen zu einer in ihrem Wesen homogenen Welt, die aus unendlichen Dimensionen besteht.
Das Einzelne, Abgegrenzte konvergiert gegen unendlich nichtig; es ist das Paradoxon eines Nichts das mit unendlich vielen Nichtsen zu einem Alles, zu der Existenz selbst verschmilzt. Die Bedeutung dieser Gedanken kann nur erfühlt werden, wenn wir auf der Reise sämtliche Barrieren zurücklassen.

Dies ist der Versuch, dem Unbeschreibbaren noch im Ausklang der Reiseerfahrung eine Sprache zu geben. Ich bediene mich dabei der Sprachkonventionen unter Einbeziehung der Illusion "Zeit", um die Erkenntis zu teilen, daß ich zu keinem anderen Punkt in meinem Leben diese letzte große Reise in die unendlichen Sphären meines tiefsten Innern hätte antreten können und dürfen.

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Der Hafen - nicht lange vor der Abreise

Robert fragte mich einmal, ob ich je die Erfahrung gemacht hätte, daß plötzlich "alles in einem Punkt" sei - das ganze Leben und alle Bedeutungen der Dinge, alle Überzeugungen und Wünsche in einem einzigen Punkt - und beendete meine kurze Gedankenpause mit den Worten, daß dies eine Frage sei, welche man nur mit ja oder nein beantworten könne.

In einer weiteren Konversation, wenige Tage darauf, welche unsere individuellen Traumata und allesformenden Prägungen an deren Wurzeln berührte, enthüllte er mir, daß sein alles in sich vereinigender Punkt einen Namen trüge: Den Namen seiner einstigen großen Liebe welche ihn verlassen und ihm nie wieder - so meine Formulierung und Interpretation - die Gnade zuteil werden ließ, mit ihm sinnvoll zu kommunizieren; eine Gnade, welche meiner Überzeugung nach ein jedes fühlendes Wesen mit Bewußtsein als kategorisch zu erfüllenden ethischen Standard empfinden sollte.

Auch mein eigener allesvereinender Punkt trägt den Namen einer Frau. Zweifelsohne gibt es deren Punkte viele: Sie sind die brillant-funkelnden aus ihrem bloßen Sein heraus unendliche Liebe erzeugenden und motivlosen Haß erwidernden großen psychoaktiven, psychoterroristischen Chimaeren ihrer und unserer unendlichen Zeiten. Doch sie sind auch ihrerseits zutiefst tragisch.

Während ich - Wochen später - diese Zeilen zu Nightwishs erhebendem Werk Ghost Love Score niederschreibe, wird meinem zähflüssig zurückkehrenden Bewußtsein gewahr, daß ich die vergangene Nacht und während der aufkeimenden Nachbetrachtung bis in den Nachmittag hinein diese Erfahrung "alles in einem Punkt" zu finden nun selbst gemacht habe.

Mir war bis zum Ausklingen dieser letzten großen Reise nicht bewußt gewesen, welche Wesenheiten jene Buchstabenkompositionen in Wahrheit benennen: Es sind unsere Jung'schen Animae.

Eine Erkenntnis welche zu machen ich das Rüstzeug geschenkt bekam durch eine nunmehr fast mystisch anmutende Fügung von immenser Erlösungkraft. Unlängst hatte ich in Roberts Café, nach einer Lesung lyrischer Texte des brillanten Dichters Uwe Kraus, die große Freude und Ehre Manuel kennenzulernen, einen seinerseits brillanten Sänger, Musiker und Komponisten, dessen selbstkritisches Wesen der wahren Bedeutung seines Werkes bislang noch nicht gestattet hat das intrauterine Stadium zu verlassen und in die Außenwelt hineingeboren zu werden.
In einer Gesellschaft deren Wesen öffentlich ist - die Illusion des Privaten völlig bis zur Nichtexistenz aufgelöst in dem aus sich selbst entstandenen Dogma des als Individuum-nur-existieren-könnens in der Wahrnehmung der Anderen und dem zur Lebensunfähigkeit Verdammtsein einer jeden Persönlichkeit, deren Habitus nicht völlig durchdrungen ist von der Selbstwahrnehmung als persona publica - muß der Fötus erst stark genug werden, um sich nach der Entbindung ins Licht hineingeboren zu fühlen, statt in die Kälte der Dunkelheit hinauserbrochen.
Ich halte Manuels Werke bereits jetzt für geburtsreife illuminierte Wesenheiten, deren Schöpfer, meinem Empfinden nach, mehr und mehr beginnt, sie voll Stärke leuchten zu sehen.

Ein weiterer vieler Gedankenströme, welche mir die Gespräche mit Manuel und dem In-mich-aufnehmen seiner tiefen Gedanken entsprudeln ließen, fließen um die Theorie der Anima im Jung'schen wie auch im nur mystisch erfühlbaren Sinne.
Manuel hat seine Anima selbst erschaffen lange bevor ich auf meiner Reise zu der meinen gelangte, so naheliegend diese Erkenntnis rückblickend mir hätte erscheinen müssen.

Meine Anima ist Kirsten vor ihrer zweiten Transformation, ihrer Dissoziation und der Zersetzung ihres Charakters, welche sie in eine Person verwandelte, die aus keinem erkennbaren Motiv denn aus Freude am Leid des schwachen, angreifbaren Elementes in ihrem Leben handelte, das verkörpert wurde von mir und meiner hoffnungslosen Liebe zu ihr.
Sie mußte sich durch meinen von ihr motivierten Freitod von dem befreien, was in ihr selbst schwach und gebrechlich gewesen ist. Auch als nur mein Schattenselbst in mir starb, tötete sie dadurch wohl ihren eigenen Animus, welchen ich personifizierte, und bereinigte ihre Innerlichkeit von dem, was sie noch an ihre eigene Menschlichkeit erinnerte, an all jene Aspekte, die sie von dem Gottgleichen Wesen noch trennte, zu welchem ich sie in meinen Projektionen, durch den Prozess der Ikonisierung und in meinen Werken gemacht hatte.

Meine Anima ist Kirsten kurz nach ihrer ersten Transformation von einem jungen Mädchen das eine alwellahafte Schüchternheit hätte entwickeln können, in eine extrovertierte Anarchistin und Rebellin, welche ihre überwältigende Wirkung auf Menschen erkennt und beginnt, den gezielten Einsatz ihres eigenen Charisma zur Beeinflussung ihrer Umwelt (damals noch gänzlich frei von negativen Absichten) zu erlernen.

(Nun nähert sich mein Unterbewußtsein auch der Ursache meiner Faszination mit dieser Figur die ich "Alwella" nannte und die in meinen Texten und Gemälden noch heute hier und da auftaucht, ihrerseits im Wandel befindlich, siehe das jüngste Bild "alwella chasing the dragon", welches diesen introvertierten Charakter als Amazone zu Pferde und opiumrauchend darstellt - etwas das ich zunächst nur lediglich als bewußte ironische Brechung empfunden hatte.
Ja, Kirsten wie auch "Alwella" hätten in einer Parallelwelt die Persona der jeweils anderen heranbilden können.
In dem Kurzroman "Der Schal" aus meinem ersten Buch Das Buch des Wahns wird Alwella - nun überaus schlüssig - zu einem Gefäß für Kirstens Wesenheit. Sogar ihr Körper verwandelt sich; rein optisch mag es durchaus Ähnlichkeiten geben, welche meine Prägungen und Vorlieben ansprechen.)

Die wenigen Tage vor dieser großen Reise - welche ich ohne Schmerzen zu meiner letzten dieser Art erkläre - waren erfüllt vom mir nur sehr allmählichen Bewußtwerden meiner eigenen Potentiale.
Meine Vernissage in Caros Galerie war in jeder Hinsicht ein voller Erfolg gewesen und erfüllt mich mit einer inneren Ruhe und gelassenen Freude, wie ich sie in dieser Form selten oder vielleicht nie in meinem Leben gekannt habe.
Die manischen Aspekte waren stets zu stark gewesen in jenen positiven Phasen, die ich bislang durchlebt hatte ohne sie wahrhaft in stabiler Akzeptanz zu leben. Eine tiefe Selbsterkenntnis meines Zustandes in dieser langen Zeit meines Lebens war mir durch diesen selbst immer verwehrt geblieben.

Die dritte Promophase für diese jüngste Vernissage war von einem starken Gefühl der mir entgegengebrachten Akzeptanz (und Selbstakzeptanz) erfüllt gewesen, welche gleichsam ungekannt war. Die Plakate wurden von allen Gastronomen, Buchhändlern und anderen Shop-Inhabern mit sichtlichem Wohlwollen (frei von jeder Herablassung) angenommen und die Gespräche strömten die gleiche Akzeptanz und korrekte Wahrnehmung meiner heutigen Persona aus.

Doch meine Anima, wie auch meine bevorstehende Neugeburt, die mich zum Loslassen von den Traumata und gänzlich auch von der Trauer über Kirstens Niedergang befähigen wird, hatte ich in meinem Zug durch diverse Cocktail-Bars und Locations, in denen ich hier und da Entsprechungen mit meinem herangereiften, authentischen Habitus und wahre Reflexion erfahre, noch nicht erahnen können.
Die Reise auf die andere Seite, die ich in Träumen der letzten Jahre nie hatte vollenden können, mußte gut vorbereitet sein und ich war letzlich durch die Gespräche mit Menschen, die von großer Bedeutung für mein heutiges, wahres und wahrhaft eigenes Leben sind - wie Caro, Robert, Manuel und andere, die zu nennen wären - soweit gediehen, daß ich in dieser psychologischen Verfassung, dieser Gesamtstimmung und dieser emotionalen Stabilität, den Schritt in die Tiefe meiner Innenwelt machen konnte.
Aus keiner anderen Ausgangssituation heraus hätte ich mit meiner Reise das gleiche Output erzielt.

Reiselust ohne Fernweh

Als ich mich in den frühen Stunden dieses ersten Juni 2009 spontan und frei von jedwegen inneren und äußeren Zwängen zu einer weiteren bewußten Selbstintoxikation mit Alkohol und im Wald gesammelten Kräutern entschließe, ahne ich noch nicht, daß ich diese komatös-psychedelische Reise durch die Essenz und Wesenheit meiner persönlichen Anima antreten und in die Geburt eines gänzlich neuen inneren Lebens aufwachen werde.

Das ist nicht der Hauch einer bewußten Absicht präsent, auf dieser Reise neue Erkenntnisse oder die Kraft zum Loslassen zu erlangen, keine unterschwellige Hoffnung Antworten zu finden, aber auch kein Leid das ich zu betäuben versuche, kein Bestreben meine Hochstimmung ins Manische zu überhöhen oder irgendwie künstlich zu verlängern.
Ohne jedes Ziel oder Fernweh trete ich die Reise an, um in dieser Stimmung noch einmal auf dem Weg zu sein und passiv, nicht wertend, nicht analysierend, die Welt zu betrachten in die ich eintauchen werde.

Dies soll lediglich der Ausklang eines wunderschönen Tages sein, der Folgetag meiner Vernissage und der Tag des siebten Künstlertreffens, nach dessen offiziellen Teil Manuel einige Passagen aus eigenen Liedern und den Songs anderer großer Künstler für uns gesungen hat.

Auch die Gespräche mit Sonja sind noch in meinem Kopf präsent, in welchen unter anderem wieder einmal Kirsten und die durch sie ausgelösten Traumata thematisiert wurden. Sonja legte mir auf ihre energiespendende Weise ein weiteres Mal nahe, daß ich die Kraft entwickeln müsse, von den schrecklichen Ereignissen in meiner Vergangenheit loszulassen und nach vorne zu blicken, mich auf mein neues Leben und die positiven Menschen, welche dieses nun bereichern, zu konzentrieren.
Ich antwortete sinngemäß, daß eben dies mein großes Ziel sei und ich auf der rationalen Ebene auch Wege dorthin suche, während ich gleichsam emotional immer wieder in mein Trauern und Rätseln über die bizarren Ereignisse abstürze. Mir gehe es die letzten Tage weit besser, als es mir längste Zeit meines Lebens gegangen sei, fügte ich hinzu und, daß ich große Hoffnung gewonnen habe einmal mit jenen Dingen umgehen zu können, welche ich doch nie verarbeiten oder völlig verdrängen können werde.

Nein, ich gleite nicht wieder in meine traurigen Gedanken ab, suche keine Erlösung oder Erklärung mehr. Diese Reise trete ich aus dem puren Willen nach Amusement heraus an.



Unterwegs in mein Inneres

Ich sitze alleine im Wohnzimmer unseres Hauses und muß etwa gut einen halben Liter oder gar mehr hochprozentigen Alkohols in sehr rascher Abfolge zu mir genommen haben.

Die Wirkung tritt schnell ein und ich befinde mich nach einer wohl kurzen Zeitspanne (die Fähigkeit dies einzuschätzen habe ich bereits verloren, wie auch den Sinn für Maß und - selbstzweckhaftes - Ziel) auf einem recht hohen Level des Rausches.
Nun kann ich durch den Raum gehen mit dem Gefühl des Schwebens. Mein ganzer Körper kribbelt. Ich bin auf die animalische Ebene reduziert, beginne auf dem Parkett zu tanzen und fühle den starken Wunsch in mir, richtig singen zu können wie Manuel oder Helle, ein kürzlich verstorbener Freund mit dem ich am Art Rimbaud Project gearbeitet und darüberhinaus Kontakt gehalten hatte, bis Kirsten durch bizarre Lügen über mich unsere Freundschaft jäh und unwiederbringlich beendet hatte.

Bei Asfa-Wossen Asserate las ich einmal die chinesische Weisheit "Höre auf Alkohol zu trinken bevor du das Gefühl verspürst andere möchten dich singen hören". Ein guter Rat, den ich in meinem momentanen Zustand nicht beherzigt hätte. Zum Glück bin ich alleine, denn ich beginne Passagen aus Helles Vertonung von Rimbauds "Vokale" zu singen.

Ich trinke und rauche, meine Gedanken werden psychedelisch. Irgendwann spüre ich das Bedürfnis nach draußen an die Eismaschine in einer der Garagen zu gehen um neue Eiswürfel zu holen. Vielleicht könnte ich barfuß durch die Straßen laufen. Mein Temperaturempfinden ist nicht mehr vorhanden.
Der letzte Rest Vernunft obsiegt und ich gehe nach oben in mein Schlafzimmer, lege mich hin bevor meine natürlichen und oft sehr großen Hemmschwellen soweit gesunken sind, daß ich fähig wäre, mich in die Natur zu begeben oder Gesellschaft und Konversation zu suchen.

Ich schwebe und meine visuelle Wahrnehmung wischt unaufhörlich in verschiedene Richtungen. In mir dreht sich alles. Kurz vor dem Einschlafen habe ich das plötzliche Bedürfnis nocheinmal aufzustehen, ins angrenzende Büro zu gehen und Caro zu mailen, um erneut meinen Dank für die phänomenale Ausstellung und gute Organisation der Vernissage auszudrücken.
Mein Zustand ist jetzt sehr traumähnlich und in diesem Traum setze ich mein Vorhaben um. Glücklicherweise bin ich zu tatsächlichen Handlungen nicht mehr in der Lage. Rechtschreibung und Stil wären unsäglich ausgefallen.

Jetzt klammert sich ein verglimmender Funke meines Bewußtseins an die archetyp-ähnlich ausgeformte Persona des Künstlers und "seriösen Unternehmers". Ich möchte zu meiner selbstgeschaffenen Persona zurückkehren, weg von dem Rausch und mich der Herausforderung stellen, noch auf einer sehr hohen Ebene der Selbstintoxikation eine rhetorisch korrekte kommunikative Leistung zu erbringen um mir zu beweisen, daß ich mich selbst jetzt noch völlig unter Kontrolle habe und problemlos auf die Persona umschalten kann.

Nein, es gelingt nicht. Durch und durch spüre ich einen lauten dunkelbunten Peilton, der mich in mein Inneres und in die Welt meiner Anima führt. Da ist eine andere Wesenheit in mir, vielleicht viele verschiedene Wesenheiten, die mich zu sich ziehen und endlich aus dem Schattenselbst heraustreten um mir ihr wahres Gesicht zu zeigen.

Ich spüre seltsame Verwischungen zwischen dem, was von mir jetzt noch übrig ist, und den Persönlichkeiten in meiner Tiefe, verschmelze mit dem, was ich außer meinem bewußten Selbst offenbar noch bin, mit dem psychedelischen Overlord mit goldknaufigem Autoritätsstock, mit der gesamten Geschichte meiner eigenen Dynastie, mit dem Reisenden, dem Selbstzerstörerischen, den extremen, unbewußten Aspekten der Gesamtcreation meines Selbst und tauche in einen komatösen Schlaf ab.

Rückkehr ins Bewußtsein und Introspektion

Wohl erst Stunden nach dem Aufwachen kehren bewußte Gedanken zu mir zurück und ich gleite in eine Phase ruhiger Selbstbeobachtung und Nachbetrachtung hinüber.

Ich sitze auf dem Balkon und der Himmel, die Bäume, der Wind,...alles mutet noch immer psychedelisch an, doch dies ist ein innerer Zustand; das Wahrgenommene hat seine gewohnten Dimensionen welche ich von unendlichen anderen Dimensionen durchdrungen nur erspüre.

Nun setzt die Erkennnis ein: Einzig in dem Verschmelzen mit allem was ich einst gewesen bin kann ich mich der Teile die ich nicht mehr in mir tragen möchte entledigen. Mit einer letzten Umarmung und ohne Zorn, Furcht, Trauer oder manischer Freude stoße ich den psychedelisch-megalomanischen Boyar meines Schattenselbst von mir ab.
Diese anderen Teile meiner Persönlichkeit gehen; ich drücke sie ein letztes Mal lieb an mich und sage ihnen, daß ich sie brauchte um zu wachsen und in das neue Leben hineingeboren zu werden, in dem ich mich nun wiederfinde und erkenne.

Da ist plötzlich eine Erinnerung an Gesichter und Namen aus der beginnenden Schlafphase der vergangenen Nacht oder dem bereits beginnenden Morgengrauen. Irgendwo steht auch Kirstens Name in meinem Kopf geschrieben und ich erinnere mich an mein Gefühl, daß ich ihr nun ohne Furcht, Trauer oder Verachtung begegnen könnte, in diesem Zustand ohne Blockaden, ohne Hemmschwelle. Meine Psyche war unverwundbar auf meiner Reise und ist es noch immer während die letzten psychedelischen Gedankenschwaden verdunsten.

Sie ist meine Anima (zumindest auf einer Ebene; auf den anderen Ebenen sind es Figuren wie Alwella und Cuja), ist im Jung'schen Sinne die weibliche Seite in meinem psychischen Apparat und in einem mystischen Sinne der Schlüssel zur Erkennis nicht ihres Wandels sondern meines vollständigen - und vollständig gewordenen - Selbst.

Erst jetzt erkenne ich, daß ich tief in ihrem und somit auch tiefer als je zuvor in meinem eigenen Innern war und wir verschmolzen sind. So kann ich nun endlich aufhören danach zu trachten sie verstehen und ihren Niedergang erklären zu wollen. Jetzt kann ich mich selbst betrachten, in einer mir neuen Form der Klarheit.

Erinnerungen tauchen auf an Phasen in denen meine innere Realität und Gedankenwelt noch weit surrealer gewesen ist, als ich es bislang je vermutet hatte. Gedanken kommen zu mir, mit der Dominanz unumstößlicher Erkenntnis, daß von Kindesbeinen an gewisse meiner Hirnareale anders gearbeitet hatten als in den Köpfen der meisten Menschen, daß ich bis über mein dreißigstes Lebensjahr hinaus nie aus dem intrauterinen Stadium herausgelangt war.

Das Leiden, die Traumata, das Bizarre, das Psychedelische, die selbstzerstörerischen Phasen und der Konsum mannigfaltiger bewußtseinsverändernder Substanzen...all das war notwendig gewesen um geboren zu werden - in ein Leben hinein, das mit meiner wahren eigentlichen Identität harmoniert.

Diese Erfahrungen und Prägungen sind eins geworden mit mir und können mich doch erst dann formen, im Sinne einer Weiterentwicklung und Entfaltung verborgener Potentiale, wenn ich sie schmerzlos und in Liebe zurücklasse; dies kann nur durch Selbsttransformation geschehen, durch die Geburt in ein neues Leben.

Meine letzte große Reise stellt den völligen und endgültigen Abschluß mit meinem ersten Leben, oder vielmehr mit meiner über dreißig Jahre langen Vorgeburtsphase dar. Diese Erfahrung könnte niemals in der gleichen Form wiederholt werden. Ein weiterer Drogenexzess könnte keinen Reiz mehr in sich bergen; jede Vision würde zur Bedeutungslosigkeit verblassen vor der unendlichen Farbdichte der Emotionen dieser Begegnung mit mir selbst und dem Erfühlen von Wahrheiten die zu vermitteln keine Sprache Worte finden würde.

Die Aera des Suchens nach mir selbst, die Aera des Verlorenseins, der Hilflosigkeit, der Isolation, die Aera der Kirsten und der Depressionen, Psychosen, Manien,...vorbei! vorbei! wie alle vergangenen Dinge.

Ich habe Kirsten, meine konträren Persönlichkeiten und mein eigenes Nichtleben absorbiert, in einen Punkt zusammengeschmolzen und transformiert in das, was nun mein neues, eigentliches Leben ist.

Manchmal müssen wir erst zu Asche werden um zu erkennen ob wir über Phoenixqualitäten verfügen.


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